Wüstenstaub
Aufgewacht mit Route und Ziel, war der Fotorucksack bereits ausgerüstet und der Kamera-Akku voll geladen. Mir fehlte es noch an Energie. Was der schwarze Kaffee nicht vermochte, gelang der kalten Nachtluft. Nach dem Ende der öffentlichen Straße hastete ich die alte, steile Schipiste am Hongar hoch. Aus Respekt vor der Nacht blieb die Stirnlampe in meiner Tasche. Die Route war mir bekannt, der Weg nicht. Auch aufgrund des schnellen Tempos stolperte ich mehrmals. Als ich den Gipfel erreichte, konnte ich mich nach einem Blick auf die Uhr entspannen: Eine Stunde vor Sonnenaufgang.
Deutlich bedachter als beim Aufstieg setzte ich meinen Weg entlang des Rückens Richtung Osten fort. Im Winter erwacht der Tag geräuschlos. Der frostfreie Boden dämpfte die Schritte. Nur vereinzelt knackten Äste. Wachsam aber entspannt bewegte ich mich durch die kalte Luft. Vor lauter Achtsamkeit hatte ich nicht bemerkt, dass es am Horizont langsam hell wurde. Den Rucksack enger geschnallt, lief ich die letzten Meter im lockeren Schritt auf die Weide, von der aus ich den Sonnenaufgang fotografieren wollte. Das ungewöhnlich intensive Morgenrot war atemberaubend. Vielleicht lag es aber auch am Sprint. Jedenfalls atmete ich schwer beim raschen Aufbau des Stativs.
Auf der Kamera war das 35-mm-Objektiv bereits montiert. Ohne Zeit zu verlieren, schoss ich das erste Foto. Unscharf. Das Loxia-Objektiv von Zeiss muss natürlich manuell fokussiert werden... Nach einem Durchatmen und dem Blick auf die Foto-App stellte sich heraus, dass mit dem Sonnenaufgang doch nicht so schnell zu rechnen ist. Die Zeit nutzte ich für die Komposition von "Wüstenstaub 1". Eine Einzelaufnahme mit Belichtungsfokus auf den hellen Bereichen, in der die Silhouette des Traunsteins ein Gegengewicht zum Morgenrot schaffen sollte. Rückblickend hätte das mit dem 50-mm-Objektiv sicher besser funktioniert. Im Zuge der Bildbearbeitung wurden die Blau-Sättigung leicht angehoben und das Bild als Quadrat zugeschnitten.
Mit dem Sonnenaufgang wurde der Wüstenstaub in der Luft deutlich sichtbar. Das Phänomen war trotz Ankündigung im Radio überraschend effektvoll. Der Himmel über der Gschwandt sah für einige Minuten aus, wie die Luft über einer smogverhüllten Megacity. Bei den drei Fotos, die den Aufgang der Sonne dokumentieren, handelt es sich um Mehrfachaufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungen und Fokusebenen. Dies war erforderlich, um auch die ersten Lichtstrahlen auf den Gräsern im Vordergrund ins Bild integrieren zu können. Im Rahmen der Bildbearbeitung wurden die Aufnahmen zusammengefügt und zugeschnitten. Bei den Fotos "Wüstenstaub 3" und "Wüstenstaub 4" wurde versucht, die Baumgruppe links im Bild als Gegenstück zum Traunstein rechts im Bild zu positionieren. Eine Farbanpassung war nicht notwendig.
Mit höherem Sonnenstand und konstanteren Lichtverhältnissen nahm ich mir die Zeit, um auf das 50-mm-Objektiv zu wechseln. Die zunehmend beleuchtete Hügelkette im Hintergrund kommt in "Wüstenstaub 5" dadurch besser zur Geltung. Eine Aufnahme mit noch größerer Brennweite wäre auch interessant... Als ich mich umdrehte, hatte ich aber leider schon wieder was anderes im Sinn. Ich versuchte die Sandfrachten über dem schneebedeckten Höllengebirge zu dokumentieren. Vielmehr als eine dokumentarische Aufnahme ist mir mit "Wüstenstaub 6" dann leider auch nicht gelungen.
Eine gute halbe Stunde nach Tagesanbruch war der Zauber vorbei. Der Wüstenstaub schien verflogen. Sobald es meine kalten Finger zuliesen, wechselte ich auf das 100-400-mm-Objektiv, packte das Stativ ein und setzte meine Wanderung Richtung Kronberg fort. Wieder wachsam entspannt. Ich hoffte Wildtiere zu erwischen, war aber nur geschickt genug für einen Seidlbast.
Wobei die Verrenkungen, die mir das Supertele abverlangte nicht für den Anblick von Passanten geeignet waren. Schmutzige Knie und die beeindruckende Makro-Leistung des 100-400-mm- Objektivs ermöglichten die Aufnahme "Wüstenstaub 7".
Gegen Mittag kehrte ich wieder heim. Dreckig, müde und voller Freude über den Wüstenstaub. Auf viel Verständnis traf ich nicht. Ich könnte ja beim Putzen der verstaubten Fensterbänke helfen. Aber das ist eine andere Natur-Foto-Story.
Wüstenstaub 1
1/160 Sek. f11 ISO 200
35 mm
Wüstenstaub 2
1/13 Sek. f 18 ISO 200
35 mm Stacking
Wüstenstaub 3
1/125 Sek. f 18 ISO 200
35 mm Stacking
Wüstenstaub 4
1/1000 Sek. f 10 ISO 200
35 mm Stacking
Wüstenstaub 5
1/600 Sek. f 10 ISO 200
50 mm
Wüstenstaub 6
1/50 Sek. f 18 ISO 250
50 mm
Wüstenstaub 7
1/1250 Sek. f 5,6 ISO 400
309 mm