Seeblau



Die Sonne bricht majestätisch durch den Nebel, einzelne Strahlen treffen auf die breitkronige Eiche, die freigestellt auf der dampfenden Wiese nach dem Bildmittelpunkt verlangt. Taunasse Wiesenblumen komplementieren den Vordergrund. Die geeignete Brennweite und Blendenzahl im Kopf, braucht es nur noch einen bekennenden Biss in den Arsch, um das aufkommende Wurmen einzudämmen. Schon wieder habe ich die Kamera zu Hause gelassen!

Wenngleich ich Naturschauspiele auch ohne Fotografie genieße, begleitet mich nach derartigen Erlebnissen für einige Tage der Vorsatz, meine Kamera stets mitzunehmen. Bilder im Kopf sollten dem deutschen Rapp vorbehalten bleiben. Mit dem Ansinnen nahm ich meine Fotoausrüstung Anfang Oktober mit an den Offensee. Ich hatte einen Termin am späten Vormittag. Es war weder mit geeigneten Lichtverhältnissen zu rechnen, noch mit stimmungsvollen Waldszenen. Nebel war auszuschließen und das Laub hatte erst zaghaft begonnen Herbstfarben anzunehmen.

Dennoch ging die Kamera mit auf die Reise. Auf der 145er spuckte mich der Tunnel bei Traunkirchen in dem Moment aus, als sich die Sonne am Sonnstein vorbei schob und Teile der Landschaft in ein warmes Licht tauchte. Ich fand auf der Stelle eine Parkmöglichkeit und suchte nach einer geeigneten Komposition. Von meinem Standort sah ich keine Möglichkeit den Vordergrund stimmig in ein Bild zu integrieren. So schraubte ich das 100 mm-Objektiv auf die Kamera und verrenkte mich für Gegenlichtaufnahmen vom Gipfel. Trotz ansprechender Sonnensterne wurden die Aufnahmen flach und konnten die Stimmung nicht übermitteln. Ideenlos machte ich kehrt, blickte über den See und fand die Felswand unterm Erlakogel im beachtlichen Streiflicht. Vielleicht nichts für das schwarze Fotoalbum mit dem silbernen Knopf, aber interessant. Der Blick durch den Sucher machte klar, dass für die gewünschte Konzentration auf das Lichtmuster das Bild nachträglich zu beschneiden ist.  Mit Bedacht vor allem die besonnten Laubbäume ordentlich zu belichten, nahm ich „Seeblau 1“ auf. Zu Hause passte ich neben dem Zuschnitt die Tiefen und den Kontrast an, um die Morgenstimmung im Bild hervorzuheben.

Am Offensee angelangt, hängte ich mir die Kamera mit dem 21 mm-Objektiv über die Schulter und wanderte Richtung Südufer. Chillen im Loft war in der Gegend an dem Tag kein Thema. Unmengen rüstiger Menschen umkreisten den See, preisten die Natur und die wohltuende Wirkung der frischen Luft. Zu schüchtern für die Straßenfotografie verließ ich den Rundweg und watete am Südufer entlang. Im knietiefen Wasser bemerkte ich knapp über der Wasseroberfläche eine beinahe perfekte Spiegelung der nördlichen Bergrücken. Sofort hatte ich die Kamera im Anschlag und suchte nach einer guten Komposition. Ich entschied mich für einen klassischen Bildaufbau mit der Spiegelachse in der Bildmitte. Als Vordergrund dienten die Steine am Gewässergrund. Mein Loxia-Objektiv hat keinen Autofokus und das Stativ hatte ich im Auto gelassen. Ich wählte daher eine relativ kleine Blende um alle Elemente scharf abbilden zu können. Da die Spiegelung nur direkt über der Wasseroberfläche auftrat und ich bei der Suche nach dem besten Vordergrund ständig die Position veränderte, bewegte ich mich aufsehenerregend im Wasser. Am Rundweg waren sich alle einig: „Der fotografiert Fische, schau!“ Zu Hause arbeite ich zwei Versionen der Aufnahme aus. „Seeblau 2“ wurde quadratisch zugeschnitten und auf den Kopf gestellt. Es dauert ein paar Sekunden bis das Hirn den Fehler bemerkt und das gefällt mir. „Seeblau 3“ entspricht dem originalen Zuschnitt. Bei beiden Bildern wurden die Tiefen aufgehellt und die Farben angepasst.

Ich kehrte von meinem Termin am Offensee zufrieden zurück und freute mich über die unerwarteten Aufnahmen. Ohne Kamera hätte ich an dem Tag weder am Traunsee noch am Offensee Zeit gefunden und innegehalten. Eigentlich deppert! Da ich den Vorsatz, meine Kamera stets mitzunehmen meist nicht einhalte, war ein weiterer zu beschließen: Bleib auch ohne Kamera öfter stehen, beobachte und beiß dich nicht in den Arsch! Leider werden Vorsätze mit steigender Anzahl nicht einfacher einzuhalten. Aber das ist eine andere Natur-Foto-Story.

Ast-Werk, Seeblau, Natur-Foto-Stories, Streiflicht;

Seeblau 1

1/100 Sek.  f11  ISO 200

100 mm (cropped)

Seeblau 2

1/50 Sek.  f 16  ISO 100

21 mm

Ast-Werk, Natur-Foto-Stories, Seeblau, Spiegelung, Offensee;

Seeblau 3

1/50 Sek.  f 16  ISO 100

21 mm